Ze serbskego swěta | Aus der sorbischen/wendischen Welt
Sommerfest zum 100jährigen Jubiläum – Handwerk, Familiengeschichte und gelebte sorbische Identität
100 Jahre arbeiten und leben mit und für das Handwerk. Dieses besondere Jubiläum wurde am 08.08.2026 gemeinsam mit der Familie, Freunden, Partnern, Kollegen, Bewahrern alten Handwerks und traditioneller Techniken, Trachtenträgern und Trachteninterssierten, Modeaffinen und Technikbegeisterten gefeiert.
Die 100 jährige Geschichte des Trachtenhauses Jatzwauk in Hoyerswerda ist ebenso Teil der Familiengeschichte, wie die Geschichte eines Traditionsgeschäftes – eines mit dem besonderen Anspruch sorbisches Brauchtum und kulturelles Erbe zu bewahren – und zugleich offen für neue Ideen und digitale Möglichkeiten zu sein.
1926 öffnet Johann Jatzwauk sein Geschäft auf der Senftenberger Straße 26 und legt den Grundstein für das heutige Trachtenhaus. Mit seinem Geschäft begann eine Geschichte, die bis heute von handwerklichem Können, Ausdauer und Widerstandskraft sowie der Verbundenheit mit der Region geprägt ist. Seitdem werden sorbische Trachten und Trachtenteile nach Maß angefertigt, restauriert und gepflegt.
Was vor 100 Jahren als Handwerksgeschäft begann, ist längst mehr als ein Ort, an dem Kleidung entsteht. Es ist ein Stück gelebte Kulturgeschichte.
Die Geschichte des Trachtenhauses ist eng mit der Geschichte der Familie verbunden. Über vier Generationen hinweg wurde Wissen weitergegeben, es wurden Techniken bewahrt und immer wieder neue Wege gefunden, das Handwerk und den Betrieb lebendig zu halten. Heute werden die Türen des Trachtenhauses weiterhin offengehalten: für Menschen, die nach einem bestimmten Trachtenteil suchen, für diejenigen, die historische Kleidung restaurieren lassen möchten, aber auch für alle, die sich für die sorbische Kultur und ihre Traditionen interessieren. Dabei sollen Traditionen bewahrt werden, aber auch verstanden, weitergegeben und zukunftsfähig gedacht werden.
Unter dem Dach des Vereins zur Pflege der Regionalkultur der mittleren Lausitz wird diese Arbeit seit den 1990ern fortgeführt. Die fachkundigen Mitglieder widmen sich vor allem der Pflege und dem Erhalt historischer Trachten. So können alte Blusen, Schürzen und andere Trachtenteile aus unterschiedlichen Materialien vor dem Zerfall und dem Verschwinden bewahrt werden.
Gleichzeitig bleibt Raum für moderne Interpretationen, zum Beispiel durch neugedachte Umsetzungen traditioneller Blaudruckstoffe und Muster.
Wenn altes Handwerk digital wird
Bei Führung und 3D-Workshop wurde deutlich, dass Tradition und moderne Technik miteinander verbunden werden können. In enger Zusammenarbeit mit dem Trachtenhaus und der Inhaberin Kirsten Ann Böhme arbeitet das Projekt „drasta digital“ an einem umfassenden digitalen Trachtenarchiv. Systematisch werden sorbische Trachtenteile und Trachten fotografiert und digital erfasst. Dabei geht es um weit mehr als ein schönes digitales Abbild. Materialien, Muster, Farbtöne, Schnitte und selbst die Verarbeitung der Nähte – jedes Detail wird betrachtet, hinterfragt und dokumentiert.
Denn eine Tracht besteht aus vielen einzelnen Schichten, eigenen Besonderheiten und kleinen Feinheiten. Nicht alles dazu findet man in Büchern oder historischen Aufzeichnungen. Einiges ist nur von den Menschen zu erfahren, die Trachten und Trachtenteile herstellen und anziehen. Sie haben sich mit all den Feinheiten beschäftigt und wissen vieles mehr über die verschiedenen Texturen und die handwerklichen Prozesse sowie das Anlegen und Tragen einer Tracht. In dem digitalen Trachtenarchiv wird versucht all dieses Wissen zu sammeln, sozusagen eine Art digitales Gedächtnis sorbischer Trachten. So kann dann beispielsweise mit digitalen Modellen und korrekt gekleideten Avataren das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile einer Tracht gezeigt werden.
Nachdem die Köpfe durch Führung und 3D-Workshop gefüllt mit neuem Wissen und neuen Eindrücken waren, konnten sich die Gäste – darunter Familie, Freunde, Partner, Kollegen, Bewahrer alten Handwerks und traditioneller Techniken, Trachtenträger und Trachteninterssierte, Modeaffine und Technikbegeisterte – bei geselliger Kaffeetafel austauschen.
Gemeinsam erinnerte man sich und so manch Vergangenes wurde so wieder gegenwärtig. Ebenso entstanden neue Kontakte und Verbindungen, Ideen wurden gemeinsam und weitergesponnen.
Mit tradidionellem Volkstanz, der Gruppe „Rejować!“, und den Videoprojektionen von Daniel Häfner fand das Sommerfest einen „traditionell-modernen Ausklang“.

100 Jahre sind kein Rückblick – sondern ein Auftrag
Das Jubiläum des Trachtenhauses Jatzwauk ist deshalb nicht nur ein Anlass, auf Vergangenes zurückzublicken. Es ist auch ein Blick darauf, wie sich Handwerk und kulturelles Erbe weiterentwickeln können.
Seit 1926 wurden hier Trachten angefertigt, repariert, restauriert und weitergegeben. Über vier Generationen hinweg blieb dabei eines unverändert: die Verbundenheit mit der Lausitz und der Wunsch, das Wissen um die sorbische Tracht lebendig zu halten.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Stärke dieser Geschichte: Tradition wird nicht hinter Glas aufbewahrt. Sie wird getragen, gearbeitet, gelernt, weitergegeben – und mit neuen Ideen in die Zukunft geführt.
Bilder (Zeichnung und Foto) von Kirsten Ann Böhme
Transparenzhinweis: Das beschriebene Projekt oder Ereignis wird oder wurde unabhängig vom Inwertsetzungsprojekt durchgeführt.





