Ze serbskego swěta  |  Aus der sorbischen/wendischen Welt

31.07.26

Wie KI neue sorbische Bilderwelten entstehen lässt

Ein Gastbeitrag von Erik Schiesko

Torsten Mack steht vor einem großen Bildschirm. Neben ihm erscheint sein zweites, fantastisches Ich: mit weißem Bart, schwerer Rüstung und einem mächtigen Stab – verwandelt in den slawischen Zwergenkönig. Um ihn herum bleiben Menschen stehen, schauen auf das Bild und beginnen zu diskutieren. Ist das dieselbe Person? Welche Figur könnte als Nächstes entstehen? Und wie sieht eine sorbische Sagenwelt eigentlich aus?

Genau darum ging es bei unserer Aktion „Werde eine sorbische Sagenfigur“. BesucherInnen konnten sich fotografieren und anschließend mithilfe künstlicher Intelligenz in bekannte oder selbst erfundene Figuren verwandeln lassen.

Zwischen Faszination und Verantwortung

Vorweg: Die problematischen Seiten künstlicher Intelligenz sind mir bewusst. Dazu gehören unter anderem der hohe Energie- und Wasserverbrauch, Fragen des Urheberrechts sowie der verantwortungsvolle Umgang mit persönlichen Daten und Bildern.

Gleichzeitig sehe ich in den neuen technischen Möglichkeiten große Chancen für die sorbische Kultur. KI kann helfen, Ideen schnell sichtbar zu machen, unterschiedliche Bildsprachen auszuprobieren und Vorstellungen zu entwickeln, die mit den vorhandenen finanziellen und technischen Mitteln bisher kaum umsetzbar gewesen wären.

Auch bei unserer Arbeit an der Filmreihe „Serbska Utopija“ setzen wir zunehmend KI ein. Für die ersten Einstellungen des ersten Teils, der 2023 im rbb ausgestrahlt wurde, arbeiteten wir noch mehr als fünf Monate mit klassischen CGI-Verfahren – also mit am Computer erzeugten Bildern. Vergleichbare Anfangssequenzen für den zweiten Teil konnten wir 2024 bereits innerhalb weniger Tage entwickeln.

Wie die Aktion entstand

Als das sorbische Institut 2025 dazu aufrief, bei der Konferenz und Messe „Sorbische Lebenswelten im digitalen Zeitalter“ digitale Projekte zu präsentieren, entstand die Idee zu der interaktiven Fotoaktion: Die Gäste sollten nicht nur über neue Technologien sprechen, sondern sie unmittelbar selbst ausprobieren können.

Die Resonanz war so groß, dass wir die Aktion dank Unterstützung der DOMPRO später auch bei der „Nacht der kreativen Köpfe“ im Cottbuser Rathaus sowie bei der Schadowanka 2025 im Glad House wiederholen durften.

Der Ablauf ist denkbar einfach: Zuerst wurde ein Porträtfoto aufgenommen. Danach konnten sich die Teilnehmenden für eine sorbische Sagenfigur und einen Bildstil entscheiden. Zur Auswahl standen unter anderem Mittagsfrau/mann, slawische König/in oder Zwergenkönig/in, sowie Wassermann/frau. 

© LUSATIA FILM

Anschließend begann die KI mit der Verwandlung. Auf dem großen Bildschirm ließ sich der Entstehungsprozess gemeinsam verfolgen. Aus einem gewöhnlichen Porträt wurde eine Gestalt auf einem sommerlichen Kornfeld, ein geheimnisvoller Herrscher in einem dunklen Wald oder ein Wesen aus einer fantastischen Wasserwelt. Manchmal lag das Ergebnis erstaunlich nah an der fotografierten Person. Manchmal interpretierte die KI Gesicht, Alter, Kleidung oder Umgebung sehr eigenwillig. Gerade diese unvorhersehbaren Momente sorgten häufig für Staunen, Lachen und neue Ideen.

Wenn die Fantasie ins Rollen kommt

Besonders schön war zu beobachten, wie schnell die Kreativität zu sprudeln begann. Sobald die ersten Bilder auf dem Bildschirm erschienen, wollten die Teilnehmenden weitere Varianten ausprobieren: realistischer, märchenhafter, düsterer oder futuristischer.

Dabei blieb es nicht bei den bekannten Sagenfiguren. Jugendgruppen entwickelten eigene Charaktere, andere Gäste wünschten sich moderne Interpretationen wie „Future Sorbs“ oder „sorbische Punks“. Auf diese Weise wurde aus einer zunächst einfachen Fotoaktion ein gemeinsamer kreativer Prozess.

Vor allem Kinder und Menschen, die bisher nur wenig mit sorbischer Kultur in Berührung gekommen waren, ließen sich begeistert darauf ein. Statt zunächst Wissen über Bräuche, Sprache oder Geschichte mitbringen zu müssen, konnten sie mit einer einfachen Frage beginnen: Welche sorbische Figur möchte ich sein?

Die schnelle Verwandlung eröffnete einen spielerischen Zugang. Gleichzeitig entstanden Gespräche über Sagen, über Kleidung, über Geschichte und darüber, wie traditionelle Motive in die Gegenwart oder sogar in die Zukunft übertragen werden können.

Für uns waren diese Reaktionen besonders wertvoll. Wir wollten nicht nur ein unterhaltsames Erlebnis schaffen, sondern auch neue Impulse für „Serbska Utopija“ sammeln und gemeinsam mit dem Publikum nach einer passenden Bildsprache suchen.

© LUSATIA FILM

Wie sieht „sorbisch“ aus?

Damit führte unsere Aktion zwangsläufig zu einer größeren Frage: Woran erkennen wir überhaupt, dass eine Figur oder eine Bilderwelt „sorbisch“ ist? Muss sie eine Tracht tragen? Braucht es bestimmte Farben, Muster, Landschaften oder Symbole? Darf eine sorbische Sagenfigur futuristisch, punkig oder vollkommen neu gedacht sein? Und wann wird aus einem vertrauten Motiv ein Klischee?

Ja, künstliche Intelligenz greift auf bereits vorhandene Bilder und Muster zurück. Deshalb produziert sie häufig stereotype Ergebnisse. Eine vermeintlich „sorbische“ Figur erscheint dann schnell in mittelalterlicher Rüstung, eine Sagengestalt in historisierender Kleidung und eine Mittagsfrau auf einem goldenen Kornfeld. Solche Darstellungen können reizvoll sein, sie sind aber nie neutral. Sie zeigen auch, welche visuellen Vorstellungen bereits verbreitet sind – aber auch, welche Bilder bislang fehlen und wir gefragt sind.

Genau darin liegt für uns der interessante Widerspruch: Die KI kann neue Bilder erzeugen, doch sie setzt diese aus Bekanntem zusammen. Wir müssen deshalb selbst entscheiden, welche Vorschläge wir übernehmen, verändern oder bewusst verwerfen.

Diese Auseinandersetzung kennen wir auch aus unseren Filmproduktionen. Bei der Suche nach einer sorbischen Bildsprache treffen sehr unterschiedliche Erwartungen aufeinander. Manche Menschen wünschen sich vertraute Motive und eine erkennbare kulturelle Verankerung. Andere möchten Traditionen weiterentwickeln, mit ihnen spielen oder ganz neue Ausdrucksformen finden.

Wir können und werden es dabei nicht allen recht machen. Dafür sind die persönlichen Zugänge zur sorbischen Kultur zu vielfältig. Aber gerade das ist ihre Stärke.

Kein fertiges Bild, sondern ein Anfang

Unsere Aktion hat keine endgültige Antwort darauf gegeben, wie eine sorbische Sagenfigur aussehen muss. Sie hat vielmehr einen Raum geöffnet, in dem Menschen ausprobieren, staunen, widersprechen und eigene Vorstellungen entwickeln konnten. Vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Möglichkeiten künstlicher Intelligenz: nicht darin, uns fertige Bilder vorzugeben, sondern darin, Gespräche über die Bilder anzustoßen, die wir künftig von uns selbst erzählen möchten.

Zwergenkönig

zu sehen ist Torsten Mack

in der Interpretation der KI

als Zwergenkönig

© LUSATIA FILM

Mittagsfrau

zu sehen ist Sabine Sieg

in der Interpretation der KI

als Mittagsfrau

© LUSATIA FILM

Kräuterhexe

zu sehen ist Milena Stock

in der Interpretation der KI

als Kräuterhexe

© LUSATIA FILM

Spreewaldfigur

zu sehen ist Robert Engel

in der Interpretation der KI

als Figur aus dem Spreewald

© LUSATIA FILM

Erik Schiesko, 31.07.2026

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